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Vor einigen Monaten verbrachten meine Frau Karin und ich einen Urlaub in der Toskana, zu dem wir mit dem eigenen Auto angereist waren. Wir hatten ein Navigationssystem dabei, das bisher stets zu unserer Zufriedenheit funktioniert hatte. Eines Tages hatten wir den Besuch eines kleinen malerischen Ortes 50 Kilometer entfernt geplant. Wie gewohnt gaben wir die notwendigen Informationen in unser Navi ein und fuhren los. Die Streckenführung kam uns schon kurze Zeit später seltsam bekannt vor, waren wir sie doch Tags zuvor schon einmal gefahren. Nach 20 Kilometern rüttelte mich mein Instinkt wach und ich beschloss einen Blick auf die Straßenkarte zu werfen. Oh je! Der Zielort lag in der entgegengesetzten Richtung. Wie konnte das passieren? Der gewünschte Zielort hieß Sasseta, eingegeben hatte ich aber Sasetta, einen Ort den es offensichtlich auch gab. Wir hatten einen unserer natürlichsten Sinne, den Orientierungssinn, einfach über Bord geschmissen und uns der verführerischen Stimme unserer elektronischen Mina hingegeben.
Alle zehn Jahre verdoppelt sich zurzeit das Wissen der Menschheit – und wie viel geht verloren? Blöde Navigationsprothese, dachte ich. Und meine Gedanken glitten in den Südpazifik. Dorthin, wo sich vor etwa 4000 Jahren Menschen aufgemacht hatten, ein Gebiet zu besiedeln, fast so groß wie die Oberfläche des Mondes, bevölkert mit Inseln, die gerade mal ein Prozent dieser Fläche bedecken.
Diese Menschen hatten für ihre Unternehmungen lediglich Steinzeit-Technologie zur Verfügung. Dennoch schafften sie es innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums fast jede noch so kleine Insel in der Weite des Ozeans zu entdecken.
Kapitän Cook, der englische Entdecker vieler Südsee-Inseln, war angesichts dieser Leistung beeindruckt (erste Reise 1768-1771). Seine eigenen seemännischen Leistungen in Relation mit jenen der Insulaner zu gleichzusetzen, das wäre ihm aber sicher nicht in den Sinn gekommen.
Die Endeavour, das Schiff Kapitän Cooks, war mit den modernsten Navigationsgeräten seiner Zeit ausgerüstet. Ein Sextant zur Messung der geografischen Breite, Seekarten und Kompass für die Kursbestimmung und ein Log zur Ermittlung der Reisegeschwindigkeit, bildeten das Instrumentarium.

Die Messung der geografischen Länge stellte allerdings immer noch ein nicht zu unterschätzendes Problem dar. Es kam vor, dass ganze Flotten aufgrund fehlerhafter Navigation fehlgeleitet wurden. Schlimmste Unfälle oder Reisen ohne Wiederkehr waren ebenfalls an der Tagesordnung. Echte Fortschritte auf diesem Gebiet gab es einige Jahre später, nachdem die englische Regierung jenem, der diese Aufgabe lösen würde, ein gewaltiges Preisgeld versprochen hatte. Die Entwicklung eines fähigen Handwerkers, eine entsprechend ganggenaue Uhr, brachten letztlich den Durchbruch. Cook bestätigte den Nutzen der Uhr nach der Rückkehr von seiner zweiten Südseereise.
Während europäische Navigatoren stets darauf abzielten die eigene Schiffsposition möglichst genau zu bestimmen, hatten die Ozeanier schon früh einen ganz anderen Lösungsansatz entwickelt, um ihre weit entfernten Reiseziele zu erreichen. Sie stellten sich vielmehr die Frage, wo befindet sich unser Ziel!
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Echte technische Hilfsmittel standen ihnen zur Beantwortung dieser Frage nicht zur Verfügung. Ihr "TomTom" hatten sie gewissermaßen im Kopf. Es leistete bis fast in die heutige Zeit hervorragende Arbeit und bestand aus umfassenden Naturbeobachtungen, Gefühl und Intuition.
Die wichtigste Voraussetzung zur Erreichung ihrer ungeheuren Ziele hatten die reiselustigen Ozeanier mit ihren "primitiven" Mitteln bis zur Perfektion entwickelt, nämlich hochseetüchtige schnelle Segelboote. Während sich die Endeavour Kapitän Cooks mit schlappen fünf bis zehn Knoten Reisegeschwindigkeit zufrieden geben musste, waren die Insulaner mit ihren Steinzeitgefährten wesentlich zügiger unterwegs. Die schlanken Doppelrumpfkanus glitten unter günstigen Bedingungen mit 15 bis 20 Knoten übers Meer. Gegen den Wind zu kreuzen war auch kein Problem. Gewaltige Urwaldbäume, wie es sie heutzutage nicht mehr gibt, bildeten den Rohstoff für die beiden ausgehöhlten Schiffsrümpfe mit bis zu 30 Metern Länge. Dazwischen befand sich eine Plattform mit einem oder mehreren Segelmasten sowie Platz für die Reisenden, die Steuerruder und den Proviant. Hier gibt es ein schönes Bild eines kleinen Nachbaus aus unserer Zeit.
Navigatoren genossen unter den ozeanischen Völkern allerhöchstes Ansehen, waren Sie es doch, die ihre Stammesgenossen vor völliger Isolation bewahrten. Die Kunst der Navigation wurde durch mündliche Überlieferung an nachfolgende Generationen weiter gegeben. Ein Schrifttum kannten diese Menschen nicht. Möglicherweise dauerte die Ausbildung viele Jahre, um die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben.
Die Navigatoren konnten ihre Reiseziele "sehen"! Sie hatten ein transparentes Bild ihrer Umwelt. Das klingt für uns heute ziemlich bescheuert, weil es sich zunächst unserer Vorstellungskraft entzieht, etwas zu sehen, das sich außerhalb der Sichtweite befindet. Sehen bedeutet in diesem Zusammenhang Erkennen, und Erkenntnis erlangt man unter anderem durch Beobachtung. Auch religiöse Vorstellungen spielten eine Rolle.

Aus der Beobachtung ihrer eingeschränkten Lebensräume, zogen die Navigatoren die wichtigste Erkenntnis überhaupt - der Strand ist nicht das Ende. Jede noch so kleine Insel hinterlässt Spuren, die weit in die gewaltige Wasserwüste hineinreichen. Navigatoren lasen diese Spuren hunderte Seemeilen von ihrem Ziel entfernt.
Um Kurs zu halten, nutzten die Navigatoren den Sonnenstand und den Sternenkompass - sofern die Wetterverhältnisse dies zuließen. Wind, Wellen und Strömungsverhältnisse waren weitere wichtige Informationsquellen, wenn es mal bedeckt war.
Im weiteren Umkreis größerer Archipele treten aufgrund von Interferenzen komplizierte Wellenmuster auf, die erfahrenen Beobachtern wichtige Informationen zur Lage einzelner Inseln liefern konnten. Sogenannte Stabdiagramme wurden benutzt, um Wellen-, Wind-, und Strömungsverhältnisse zu dokumentieren.
Wie schlagen die Wellen gegen das Boot, wie bewegt es sich, ändert sich das Geräusch, das es dabei gibt? Solche und ähnliche Fragen beschäftigten einen Südsee-Navigator alter Schule.
Wir haben ein Dutzend Wörter für verschiedene Arten von Schnee. Melanesier, Polynesier oder Mikronesier haben sicher nur eines, weil ihre Umwelt vom Schnee nicht geprägt wird. Stattdessen können sie mit einem ganzen Arsenal von Wörtern zur Beschreibung verschiedener Wellen- und Wolkenarten aufwarten. Das Land der langen weißen Wolke Aotearoa, der Maori-Namen für Neuseeland, zeugt von dieser Vielfalt der Begriffe.
Dem ungeschulten Auge fallen viele Dinge natürlich nicht auf, weil der moderne Mensch das genaue Beobachten von Naturphänomenen verlernt hat. Sobald man aber beispielsweise erkannt hat, dass die Wolken über einer türkisfarbenen Lagune deren Farbe wieder spiegeln, öffnen sich einem die Augen.
Wo fliegen bestimmte Seevögel in der Abenddämmerung hin? Natürlich direkt zur nächsten Insel.
Fliegende Fische tauchen immer gegen die Strömungsrichtung in das Wasser ein. Erfahrene Navigatoren konnten die geografische Breite aufgrund der Wassertemperatur abschätzen. Klingt alles unglaublich.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Umstand, dass es durch gelegentliche Wetterkapriolen im Pazifik zur Umkehr der vorherrschenden Windrichtung kommt. El Niño nennt man dieses Phänomen, das sicher vielen bekannt ist. So konnten die ozeanischen Reisenden auch in ihnen völlig unbekannte Regionen vorstoßen, wohl wissend, dass der Wind eines Tages wieder umschlagen und eine sichere Heimreise ermöglichen würde.

Welche Motive diese Völker immer weiter in den Pazifik hinaustrieben, ist nicht abschließend geklärt. Auch nicht die Zahl der Opfer, die derart risikoreiche Unternehmungen sicher forderten. Möglicherweise spielten Überbevölkerung, Klimakatastrophen oder die Zerstörung der eigenen Umwelt, wie auf der Osterinsel geschehen, eine maßgebliche Rolle.
Neueste linguistische, archäologische und anthropologische Forschungen können die Besiedlung des pazifischen Raumes, von Westen ausgehend, gut belegen.
Zu Zeiten Kapitän James Cooks waren die großen Entdeckungen und Reisen der Ozeanier bereits abgeschlossen. Neuseeland wurde als letztes um das Jahr 1000 von den Marquesas-Inseln aus besiedelt. Die Archipele liegen 5500 Kilometer voneinander entfernt!
Praktische Kenntnisse zu dieser Art der Navigation sind fast alle verloren gegangen. Heutzutage sind nur noch sehr wenige Menschen in der Lage, nach alter Kunst zu segeln.

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Freitag, 13. August 2010, 12:49
Hallo,
ich bin begeistert!
Toll geschrieben und recherchiert.
Und ich ziehe den Hut vor dem Mut ein solches Unternehmen durchzuführen.
Viele Grüße vom Alpencrossler Kai